Mein Auslandsjahr in Aberystwyth – Die Abrechnung

Mein Auslandsjahr in Aberystwyth war perfekt. Ich konnte mit wenig Aufwand in einem fremden Rechtssystem, einem fremden Bildungssystem und einer fremden Sprache bessere Noten erzielen, als in meinem deutschen Jurastudium. Ich konnte so viel schneller Anschluss und Freunde finden als in 3 Jahren in Heidelberg. Ich konnte so viele neue Sportarten ausprobieren, die mich in meinem Selbstbewusstsein enorm bestärkt haben. Ich habe den Welsh Dragon Pole Competition unter den vier großen walisischen Universitäten gewonnen. Ich hatte wundervolle Freunde, mein Alltag bestand aus Ausflügen und Abenteuern und alles was ich angefangen habe, ob Uni oder Sport, alles funktionierte einfach! Ich hatte das schönste Jahr meines Lebens in Aberystwyth – und das hatte Konsequenzen. Nach meiner Rückkehr hatte ich monatelang Schwierigkeiten mich wieder einzufinden, denn Zuhause war dieses perfekte Leben plötzlich Vergangenheit.

Universitäten, Bildung und Studentenleben in Großbritannien

Britische Universitäten sind Dienstleister – sie sind teuer, aber dafür liefern sie ab. Dozenten sind zugänglich und das Verhältnis zu ihnen ist sehr persönlich. Auch die Klausuren sind sehr einfach, man bekommt mit wenig Aufwand gute Noten. All das ist in meinem deutschen Jurastudium absolut nicht üblich! Der Fokus liegt weniger darauf, die Studenten auf das Berufsleben vorzubereiten. Vielmehr sollen die zahlenden Kunden zufrieden sein und die Universität weiterempfehlen. Universitäten in der UK sind Unternehmen, die ihr Geld mit der Begeisterung ihrer Studenten verdienen. Das merkt man vor allem an den umfangreichen Freizeit- und Hilfsangeboten, die das Wohlbefinden fördern sollen. Ob es das eigene Fitnessstudio ist, Sportclubs und Societies, Partys oder auch ein Mental Wellbeing Service. Ich konnte mit wenig Aufwand in einem fremden Rechtssystem, einem fremden Bildungssystem und einer fremden Sprache bessere Noten erzielen, als in meinem deutschen Studium. Ich bin viel mehr ausgegangen als in den letzten 3 Jahren in Heidelberg. Ich habe so viel schneller Anschluss und Freunde gefunden als in den 3 Jahren in Heidelberg. Einzig und allein hat mich gestört, dass man nicht wie ein erwachsener und eigenverantwortlicher Mensch behandelt wird. Die Anwesenheit in den Vorlesungen wird mit dem Studentenausweis kontrolliert und in einem digitalen Stundenplan verbucht. Die Wohnheime werden monatlich auf Sauberkeit kontrolliert, u.a. ob wir die richtigen Müllbeutel benutzen. Und während der Prüfungsphase wird der Unisport gesperrt, weil man sich auf`s Lernen konzentrieren soll.

Wie bereits erwähnt, konnte ich sehr schnell Anschluss finden. Das liegt nicht zuletzt an den Sportclubs und Societies, in denen man wirklich warm und herzlich aufgenommen wird und in denen man sehr viel Unterstützung und Rückhalt in allen Lebenslagen erfährt. Jeder Club veranstaltet wöchentliche Socials, bei denen sie gemeinsam auf Pub Crawls gehen und sich entsprechend eines Mottos verkleiden. Der Abend endet für alle Societies in dem einen Club der Stadt im Pier über dem Meer. Ich konnte zudem so viele neue Sportarten machen, die mein Selbstbewusstsein enorm gefördert haben. Ich habe die Chance genutzt, um Pole Dance, Kickboxen, Surfen und Caving auszuprobieren und ich habe alles geliebt! Der Sport ist hier so viel günstiger als üblicherweise in Vereinen und zudem sind die Startgebühren für Wettkämpfe enthalten. Obwohl ich mit dem Pole Dance erst in Aber angefangen habe, konnte ich an einer Charity Show und 2 Wettkämpfen – Varsity und dem Welsh Dragon Pole Competition – teilnehmen. Jede britische Universität hat einen sogenannten Varsity-Partner. Einmal jährlich treten die Clubs der beiden Universitäten in ihren gemeinsamen Sportarten gegeneinander an. Mit dem Team vom Kickboxen haben wir uns außerdem beim Superteams über ein Wochenende in mehreren Sportarten wie Schwimmen, Tauziehen, Staffellauf, Sprint, Rugby, Basketball u.v.m. mit 27 anderen Sportclubs unserer Uni gemessen. Ich habe jedes einzelne dieser Events geliebt! Sie haben uns als Team und als Freunde zusammengeschweißt, denn bei all den Wettkämpfen steht ohne Zweifel der Spaß an erster Stelle. Sie waren definitiv ein Highlight meines Auslandsjahres!

Aberystwyth, Wales und Großbritannien

Aberystwyth ist ein magischer kleiner und rundum sicherer Ort. Die nächste Großstadt liegt über 3 h mit dem Zug entfernt, auch deshalb bleiben die meisten Studenten selbst an den Wochenenden hier. Durch die Abgelegenheit entsteht in Aberystwyth ein eigener Mikrokosmos ohne großartige Einflüsse von außen. Alle Probleme bleiben draußen – in der Zivilisation. Stattdessen erlebt man hier Idylle, Steilküsten, Meer, Strand, eine gesunde Kleinstadt voller Läden und Cafés, in der Konsum und Profitgier noch nicht die Überhand gewonnen haben und wo sich alle Studenten in den gleichen Pubs und dem einen Club treffen. Man ist von einer unglaublich vielfältigen Natur umgeben, die man mithilfe der Sportclubs der Universität beispielsweise beim Surfen, Wandern, Klettern oder Caving erkunden kann!

Wales ist ein sehr kleines Land – von Nord nach Süd braucht man mit dem Auto vielleicht 4 h, von Ost nach West vielleicht 2 h. Die Menschen hier sind sehr freundlich und fürsorglich und man fühlt sich immer willkommen und erwünscht. Schwierig sind allerdings die öffentlichen Verkehrsmittel, denn die gibt es quasi nicht. Zugverbindungen sind in Wales sehr schlecht ausgebaut und die wenigen, die es gibt, sind sehr langsam. Von Aberystwyth nach Birmingham sind es nur 200 km, aber für die braucht man 3,5 h. Viele Strecken werden mit dem Bus überbrückt, aber auch mit dem kommt man nicht überall hin. Beispielsweise ins Elan Valley oder in die Brecon Beacons kam man von Aberystwyth gar nicht – ohne Auto ist man da echt aufgeschmissen.

Obwohl ich mich hier rundum wohlgefühlt habe und Aberystwyth absolut toll war, würde ich nicht in Großbritannien bleiben wollen. Grundrechte und politische Stabilität sind hier keine Selbstverständlichkeit, als Bürger hat man quasi keinen Schutz vor dem Staat und der versucht einem an allen Enden das Geld abzunehmen. Behörden arbeiten nicht effizient und versuchen einen ständig über’s Ohr zu hauen. Bei Fragen oder Beschwerden muss man sich stundenlang durch Hotlines wählen, bis man die richtige Behörde am Telefon hat und kann auch dann Probleme nur per Brief klären. Einen Bearbeiter mit Telefonnummer und Email im Briefkopf jedes Behördenbriefs gibt es dort nicht. Auch das Recycling funktioniert schlecht, genauso wie der öffentliche Nah- und Fernverkehr. Ansonsten sind die Menschen aber sehr freundlich und man kann zumindest überall mit Karte zahlen!

Kosten

Einen Großteil machten die einmaligen Kosten aus, die ich bereits am Anfang zahlen musste. Eine Auflistung findet ihr im Beitrag Vorbereitung auf mein Auslandsjahr in Wales während Brexit und Corona. Von den 1000 € für das Visum habe ich am Ende die 600 € für die Krankenversicherung zurückbekommen. Das funktioniert aber nur, wenn man während des Aufenthaltes in der UK nicht arbeitet. Ich weiß auch nicht, ob das nur eine Übergangslösung nach dem Brexit war oder ob es weiterhin so für EU-Studenten bleibt. Die 120 € für den Abschluss des Mietvertrags waren tatsächlich eine Kaution, von der ich letztlich 100 € zurückbekommen habe. Die Miete von etwa 430 € war gerade so vom Erasmus-Stipendium gedeckt, allerdings auch nur die. Flüge und Visum waren nicht einmal ansatzweise gedeckt, zumal das Stipendium sehr spät kam. Gerade wegen des Visums und weil man die Miete mindestens für das halbe Jahr vorauszahlen musste, war das teilweise sehr schwierig. Man muss das Geld vorstrecken können und wenn man was vom Aufenthalt haben will, muss man einiges auf der hohen Kante haben. Die Lebenshaltungskosten sind ansonsten ähnlich wie bei uns. Das meiste Geld habe ich tatsächlich für Reisen, Ausflüge und Surfstunden ausgegeben. Ich habe recht viel von meinem Ersparten gebraucht aber das war es absolut wert!

Psychische Konsequenzen des Auslandsjahres

Freunde für’s Leben

Mein Auslandsjahr hatte rückblickend enorme psychische Konsequenzen für mich. Ich habe mich an mein perfektes Leben fernab aller Verpflichtungen gewöhnt, das letztlich der Realität nicht standhielt. Es fing schon damit an, dass man im Alltag deutlich weniger Stress hatte. Dadurch fiel es mir persönlich auch viel leichter, den Kontakt zu anderen Menschen zu genießen, anstatt mich wie so oft allein zurückzuziehen. Besonders mit meinen Mitbewohnerinnen habe ich mich super verstanden. Bei ihnen konnte ich ganz ich selbst sein und habe mich trotz meiner Eigenarten immer verstanden und wertgeschätzt gefühlt. Wir alle kamen allein in Aber an und waren damit gewissermaßen aufeinander angewiesen. Wir sind als Gruppe unglaublich schnell zusammengewachsen und waren immer füreinander da. Ich konnte mich absolut auf sie verlassen und ihnen alles anvertrauen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich zuletzt so gut aufgehoben gefühlt habe wie bei ihnen. Ich vermisse all die Nächte, in denen wir bis 01.00 Uhr mit Tee in der Küche saßen und über all unsere Träume und Sorgen reden konnten. Ich vermisse die fürsorglichen Nachrichten, wenn man schlecht gelaunt aus der Küche gerannt ist. Mit Madeleine und Juliette habe ich Freunde für’s Leben gefunden, die jetzt hunderte und tausende Kilometer weit weg sind.

Soziale Einbindung und Unterstützung

Eine 8er-WG hört sich erst einmal furchtbar an, funktionierte aber wunderbar. Während unsere Zimmer als Rückzugsorte dienten, fand man in der Küche immer jemanden zum Reden. Bei 8 Mitbewohnern erhält sich auch die Gruppendynamik ganz anders. Jeder hat mal eine schlechte Phase, in der man sich einfach nur allein zurückziehen möchte. Und das ist in einer so großen Gruppe völlig in Ordnung! Die Gruppendynamik erhält sich durch die anderen weiter und man kann sich einfach wieder eingliedern, sobald es einem besser geht. Das nimmt vor allem introvertierten Menschen den enormen Druck von den Schultern, sich ständig in einer Gruppe einbringen zu müssen. Auch in den Clubs und Societies kümmerte man sich wirklich herzlich umeinander. Zugehörigkeit war hier sehr wichtig und niemand muss für sich allein kämpfen. Mentale Gesundheit ist in Aber ein unglaublich wichtiges Thema! In diesem sicheren Umfeld kann man ganz man selbst sein inklusive all seiner Macken, ohne befürchten zu müssen, nicht in eine Gruppe zu passen.

Mein Leben war perfekt!

Ich hatte nicht nur wundervolle Freunde, sondern auch ein perfektes Leben. Ich hatte das Gefühl mein Leben unter Kontrolle zu haben, als ich jeden Morgen um 07.30 Uhr aufstand, um für mein deutsches Studium zu lernen, bevor ich zu den britischen Vorlesungen gegangen bin. Die Prüfungen waren deutlich einfacher und anders als im Jurastudium waren die Noten nicht willkürlich, sondern entsprachen der Leistung. Die Vorlesungen waren interessant und mit nur einer Stunde nicht zu lang. Auch der Arbeitsaufwand war genau richtig, fordernd ohne überfordernd zu sein. Zwei Rechtssysteme auf zwei Sprachen zu studieren und gute Noten zu bekommen, war mal wieder ein langersehnter Erfolg im Studium. Ich habe gesund gekocht und vernünftige Mahlzeiten gegessen. Durch die WG, Sportclubs und Socials hatte ich viele tolle soziale Kontakte und Partys. Ich habe viel Sport getrieben durch das kostenlose Gym mit Pool, Boulderhalle und Fitnesskursen, durch meine Laufstrecke über den wunderschönen Penglais Hill, durch das Surfen, Poledance und Kickboxen. Im Poledance und Surfen konnte ich an Wettbewerben teilnehmen und den Welsh Dragon Pole Competition sogar gewinnen. Fast jedes Wochenende haben wir Ausflüge gemacht, entweder auf eigene Faust oder mit dem Wanderclub der Universität. Manchmal ging man auch donnerstags spontan höhlenklettern. Dieses Jahr lief es einfach mal alles gut, ich hatte eine super Work-Life-Balance und Erfolg in allem was ich gemacht habe.

Die Rückkehr in die Realität

Die Rückkehr in die Realität war hart, weshalb ich unbedingt diesen Beitrag schreiben wollte. Ich habe über 8 Monate hinweg meine persönliche Utopie gelebt. Schon vor dem Rückflug hatte ich befürchtet, dass das Zuhause nicht so weitergehen wird. Trotzdem wollte ich mir meine Positivität bewahren, ich wollte mein neues Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl mit nach Hause nehmen und möglichst so weiterleben wie in Aber. Als ich am 22. Mai in Aberystwyth auf dem Bahnhof stand und der Zug um die Kurve kam, mit dem ich diesen wundervollen Ort verlassen würde, fühlte es sich an wie aus einem Traum zu erwachen. Zuhause zu sein war komisch, erst nach 3 Tagen konnte ich mich wieder mit meiner Familie unterhalten. Über die nächsten Tage holte mich die Realität ein und mir wurde klar, dass nichts so sein würde wie in Aber. Alles was die letzten 8 Monate mein Leben so wunderschön gemacht hat, ist dort geblieben. Die Menschen, die Herzlichkeit, die Idylle, der Erfolg im Poledance, die guten Noten, die Ausflüge, mein Selbstwertgefühl, das alles war unmittelbar mit Aber verbunden und dort geblieben. Ich habe monatelang mit dem Verlust zu kämpfen gehabt. Ich habe mich dort an ein Leben gewöhnt, das ich hier nicht erhalten konnte. Natürlich war das Jahr eine Ausnahmesituation, die über 8 Monate hinweg aber immer realitätsfähiger wurde. Mein glückliches Leben war in Aber geblieben und damit hatte ich sehr zu kämpfen. Dieses Gefühl legte sich erst wieder, als ich 5 Monate später zu Besuch in Aber war. Ich weiß nicht genau wieso, aber mit diesem Besuch konnte ich das Auslandsjahr zumindest emotional abschließen und kann nun mit Freude auf diese Zeit zurückblicken ohne Verlust zu empfinden.

Fazit

Mein Jahr in Aberystwyth war die mit Abstand schönste Zeit meines Lebens. Ich war nie zuvor und auch nie mehr danach so glücklich wie hier. Die Stadt, die Natur, die Universität, vor allem aber die Menschen haben mir unglaublich viel gegeben. Ich würde mich immer wieder für diese kleine unbekannte Stadt auf der Erasmus-Ausschreibung entscheiden, für Aberystwyth, für meine Freunde, für meine Sportclubs und Reisen. Auch wenn ich lange gebraucht habe, den Verlust nach der Rückkehr zu verarbeiten, hat diese Erfahrung meinen Blick auf die Welt unglaublich positiv verändert. Aberystwyth war die beste Entscheidung meines Lebens. Mit diesem Fazit werde ich das Kapitel „Aberystwyth“ hier auf dem Blog jetzt abschließen.

Ich danke Aberystwyth und meinen Freunden für die schönste Zeit meines Lebens! ❤️ 

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