Nach meiner Rückkehr aus Wales hatte ich letzten Sommer einige Verpflichtungen nachzuholen. Ich musste 5 Wochen Wehrübung, 4 Wochen Studienarbeit und 8 Wochen Pflichtpraktikum unterbringen, bevor es im Oktober ins Repetitorium und damit die finale Phase meines Studiums ging. Ich entschied mich, eines meiner Pflichtpraktika bei einem Strafverteidiger in Berlin abzulegen. Schon länger spiele ich mit dem Gedanken temporär nach Berlin zu ziehen, ursprünglich wollte ich dort sogar studieren, bevor es mich letztlich nach Heidelberg zog. Deshalb wollte ich diesen Sommer herausfinden, ob Berlin für mich ein Ort zum Leben wäre.
Die Wohnungssuche
Die erste große Hürde war zunächst überhaupt eine Wohnung in Berlin zu finden. Nicht einmal bezahlbare Zwischenmieten gibt es hier. Ich habe verzweifelt versucht Zwischenmieten auf mein Budget runterzuhandeln, was teils sogar klappte, weil auch die Mieter verzweifelt wenigstens ein bisschen Geld sparen wollten. Aber dann hat sich niemand mehr gemeldet, erst zu Beginn des Praktikums bekam ich eine Antwort, dass ich einziehen könnte. Auch über Housesitting konnte ich einfach nichts finden. Ohne Bewertungen vertrauen die Menschen einem verständlicherweise ihre Wohnung und Tiere nicht an. Für die Mitgliedschaft habe ich also umsonst 120€ gezahlt. Letztlich meldete sich eine Freundin, die während meines Praktikums die meiste Zeit im Urlaub war und mir gern ihre Wohnung überließ. Sie zahlte für ihre 3 Zimmer nur 400 € und wollte von mir für die 4 Wochen nur 100 € haben. Mir fiel ein enormer Stein vom Herzen, ich war ihr so unendlich dankbar und wieder einmal zeigte sich, dass sich irgendwas immer ergibt.
Mein Praktikum, für das ich hauptsächlich hier war, nahm nicht allzu viel Zeit ein. Das gab mir zwar viel Freizeit, die aber auch sinnvoll genutzt werden wollte. Zwar wohnen viele meiner Freunde in Berlin, die aber genau jetzt natürlich nicht da waren. Dafür konnte ich viel Zeit mit meinem Freund verbringen, den ich wegen der großen Entfernung sonst nicht so oft sehe und wir beide haben uns einen schönen Sommer gemacht.
Mit dem Motorrad ins Freiluftkino
Ich war noch nie in einem Freiluftkino, wollte aber schon immer mal in eines. Dafür ist ein Sommer in Berlin natürlich perfekt, denn hier gibt es einige davon mit tollen aktuellen Filmen und Klassikern. Wir sind mit dem Motorrad ins Freiluftkino Hasenheide zu Jurassic World 3 gefahren. Von der nächtlichen Motorradtour durch Berlin bis zum Film, den ich ohnehin längst sehen wollte und das jetzt mit zwei Popcorntüten auf einer Leinwand im Freien konnte, war der Abend einfach schön und ich würde ihn nur zu gern wiederholen!
Bootsführerscheine
Mein Freund und ich wollten diesen Sommer unsere SBF See und Binnen machen. Dafür haben wir uns die Bootsschule in Köpenick ausgesucht, an der zu unserem Wunschtermin die Prüfung stattfand. Die Theorie haben wir online gelernt, aber hier haben wir unsere 3 praktischen Fahrstunden gemacht und am 23. Juli 22 auch die Prüfung bestanden. So konnten wir einige freie Nachmittage sinnvoll nutzen und unserem Traum vom eigenen Boot etwas näher kommen. Nach den Fahrstunden sind wir immer in den Treptower Park gefahren und haben den Abend im Biergarten Zenner oder auf der Insel der Jugend ausklingen lassen. Die Sonnenuntergänge und langen Gespräche an der Spree werden wohl eine meiner liebsten Erinnerungen an diesen wunderschönen Sommer bleiben!
Liepnitzsee
In Berlin sind die Seen immer voll und das sieht man dem Wasser auch an. Deshalb sind wir für einen Nachmittag etwa 1 h zum Liepnitzsee rausgefahren, den ich schon von einem alten Freund kannte, der auf der Insel im See ein Zelt hat. Trotz seiner Nähe zur Hauptstadt ist der See türkisblau, sauber und relativ leer. Allerdings gibt es auch nur vereinzelt kleine Badestellen, von denen man erstmal eine unbelegte finden muss. Viel Ruhe und Platz hatten wir so zwar nicht, aber definitiv mehr als in Berlin und zum Baden war das türkisblaue Wasser einfach toll.
Teufelsberg
Die ehemalige Abhörstation auf dem Teufelsberg ist einer der bekanntesten Lost Places Berlins und auch wir wollten hoch zu den Kuppeln mit Ausblick über die Stadt. Auf das Gelände kommt man legal, man zahlt sogar 8-10 € Eintritt, es gibt ein Museum und eine Bar. Das Museum zeigt die Geschichte des Teufelsbergs, der nach dem 2. Weltkrieg künstlich aus Trümmern aufgeschüttet wurde, wie er im Kalten Krieg genutzt wurde und welche Pläne es später für ihn gab. Die Wände der Gebäude sind voller Streetart und auf dem höchsten Dach kann man zwischen den Kuppeln die Aussicht über Berlin genießen. Ein Geheimtipp ist der Teufelsberg sicher nicht, aber er ist ein spannender Lost Place voller Geschichte und Kunst, den man legal besuchen kann.


Führung durch den Spreepark Plänterwald
Der Spreepark ist ein weiterer Lost Place, den ich schon viele Jahre sehen wollte. Nachdem sich der Vandalismus hier aber zum Sport etablierte, ist der verlassene Freizeitpark heute durch Zäune, Kameras, Hunde und Wachleute gesichert – und das aus gutem Grund. Mich macht es traurig, wie fremde Menschen mit den Kindheitserinnerungen unserer Eltern umgehen. Deshalb entschieden wir uns für eine geführte Tour, die vielleicht 5€ kostete. Unser Guide Martin Kramß war ein leidenschaftlicher Schauspieler, der auf den Führungen das Theater mit seinen eigenen Kindheitserinnerungen verband. Außer uns waren vor allem Leute dabei, die in ihrer Kindheit selbst oft hier waren. Ich fand die Führung unglaublich gut, anschaulich und kurzweilig und war froh über diese Entscheidung!

Das originale DDR-Riesenrad steht momentan leider nicht. Weil es nie festgezogen wurde und sich über die Jahre im Wind drehen konnte, ist es nie korrodiert und bis heute funktionsfähig. Deshalb wurde es jetzt abgebaut, soll restauriert werden und 2026 in neuem Glanz erstrahlen, wenn der Spreepark als Volkspark wiedereröffnet wird. Die Pläne dafür sind wunderschön, sie verbinden die noch vorhandenen reparablen Fahrgeschäfte mit neuen Spielplätzen, Kunst, Kultur und Natur. Auch das Teetassenkarussell lässt sich noch von Hand bewegen, weshalb man es auf der Führung eigentlich fahren kann, aber letzten Sommer war es zum Schutz seltener Wespen gesperrt. Der einzige Freizeitpark Ostdeutschlands schloss 2001, weil wegen des extremen Preisanstiegs nach der Wende von 1,05 DM auf 30 DM und der fehlenden Parkplätze immer weniger Besucher kamen. Bis heute ist der Spreepark nur mit der S-Bahn und einem ordentlichen Fußmarsch erreichbar.

Einerseits ist es schade zu sehen, wie wenig Respekt manche Menschen vor solchen Orten und Erinnerungen haben. Gleichzeitig ist es aber schön zu sehen, mit wie viel Hingabe sich andere für ihren Erhalt und ihre Wiedereröffnung einsetzen. Für mich ist die Neueröffnung 2026 jetzt schon rot im Kalender eingetragen!
Longboarden auf dem Tempelhofer Feld
Longboarden auf dem Tempelhofer Feld fand ich schon 2015 toll. Meine Wohnung lag diesmal sogar in Tempelhof, weshalb ich eigentlich regelmäßig dorthin gekonnt hätte. Ich war zwar wieder nur ein einziges Mal auf dem ehemaligen Flugfeld, aber das war wieder einmal toll! Mir ist bewusst, dass nicht jeder meine Begeisterung teilt, aber ich fand es hier immer schön. Mit dem Longboard unter den Füßen und einem Podcast auf den Ohren bekommt man auf den alten Rollbahnen den Kopf frei und kann das schöne Wetter genießen. Vor allem aber bietet die grüne Weite einen netten Rückzugsort in der Großstadt. Neben den Gärten, Grillplätzen, alten Flugzeugen und Coffee Bikes gibt es eine extra Zone zum Longboard Kiten. Das muss ich unbedingt auch mal ausprobieren!
Tanzkurs in den Gärten der Welt
Die „Gärten der Welt“ sind ein Park in Marzahn bestehend aus Mustergärten verschiedener Kulturen. So gibt es beispielweise einen englischen Garten mit einem Café in einem kleinen Cottage, einen balinesischen Garten im Tropenhaus und einen chinesischen Garten mit Restaurant mitten auf einem Teich. Daneben gibt es viel Raum für Veranstaltungen, Picknickwiesen, Spielplätze und Kunst. Die gleichen Betreiber planen übrigens gerade den neuen Spreepark im Plänterwald! Der Park kostet zwar Eintritt, ist dafür aber auch immer sauber und gepflegt.

Jeden zweiten Sonntag fanden und finden im Blumentheater Tanzkurse statt. Die Teilnahme ist kostenlos, nur den Eintritt zum Park muss man zahlen. Dafür bekamen wir 2 h Jive und Samba mit einer professionellen Lehrerin draußen vor einer wunderschönen Kulisse. Ich hätte mir nur gewünscht, dass wir etwas mehr tanzen und üben können, denn so haben wir volle 2 h Schritte gelernt. Vor allem aber war ich unglaublich stolz auf meinen Freund, dass er vor all den Zuschauern mit mir getanzt hat! Allerdings fällt man zwischen den vielen Teilnehmern auch kaum auf. Für mich war es ein unvergesslich schöner Abend, mit meinem Freund in den Gärten der Welt zu tanzen.
Kanutour in Lübbenau
Weil ich nach 4 Wochen in der Großstadt zwingend mal raus in die Natur musste, fuhren wir in den Spreewald. Mein Highlight der letzten Kanutour im Spreewald waren definitiv die Gurkentöpfe, die wir aus dem Kanu heraus kaufen konnten. Das gab es diesmal zwar nicht, dafür bekam man aber allerlei lokale Lebensmittel in Lübbenau selbst. Bevor wir uns auf die Gurken stürzten, wollten wir aber erst einmal paddeln. Eine Karte und Routenempfehlung gibt es zu jedem Kanu, verfahren haben wir uns auf den vielen Bächen aber trotzdem. So schön der Wald auch ist, am meisten beeindruckt haben mich kleine Dörfer wie Lehde. Die alten Bauernhäuser sind nur durch Fuß- und Wasserwege verbunden, auf denen selbst die Post mit dem Kahn gebracht wird. Ich sage das selten, aber bei den hübschen Dörfern, Restaurants am Wasser und lokalen Lebensmitteln fand ich die Kultur des Spreewalds ausnahmsweise spannender als seine Natur.
Nach der Kanutour schlenderten wir über den Markt in Lübbenau und deckten uns mit Spreewaldgurken, Gurkenlimo und Gurkenradler ein. Letzteres fiel uns aber beim Ausladen vom Auto runter und zerbrach. Neben den berühmten Gurken, die es hier in allen Formen gibt und ohne die ich den Spreewald niemals verlassen würde, bekommt man allerlei Aufstriche, eingelegtes Gemüse, Leinöl, Senf und vieles mehr. Für mich war das alles ein kleines Paradies. Zum Abschluss gab es Schnitzel und Pfifferlinge im Gasthof Mühle. Der hatte nämlich den schönsten Innenhof mit seinen hohen Backsteinwänden, an denen sich Pflanzen hochrankten. Lübbenau war viel lebendiger als ich es im tiefsten Brandenburg erwartet hätte und versprüht einen sehr ostdeutschen Charme, der mich irgendwie in meine Kindheit zurückversetzte.





Klettern im Mount Mitte
Der Mount Mitte ist ein Hochseilgarten im Bezirk Mitte, auf den ich schon lange ein Auge geworfen hatte. Es ist eher ein 3-stöckiger Hindernisparcours als ein Klettergarten, denn man läuft über rollende Fässer, fährt auf Surfbrettern und Fahrrädern oder krabbelt durch Trabbis. Ganz oben hat man einen tollen Blick auf den Fernsehturm und kann von hier im Skyfall 13 m an einem Seil eingehakt in die Tiefe springen. Allerdings greift dabei so schnell der automatische Stopp, dass man eigentlich keinen freien Fall hat. An einem Mittwochabend hatten eine alte Schulfreundin und ich den Parcours fast für uns, weshalb wir nirgends warten mussten und die teils schwierigen Elemente mehrfach probieren konnten. Die verlangen einem teilweise nämlich echt Kraft und Geschick ab. Zusätzlich gibt es eine Riesenschaukel, die einen 8 m in die Höhe zieht, fallen und schaukeln lässt. Eigentlich muss man die extra zahlen, da wir aber die Letzten waren, hat uns der nette Mitarbeiter kostenlos reingelassen. Insgesamt haben wir selbst als Studenten jeweils 26,50€ für 150 min gezahlt. Für mich war es schön es mal gemacht zu haben, aber zu teuer für ein zweites Mal.



Mit Mama auf dem Ku’Damm shoppen
Ich habe meine Mama morgens am Hauptbahnhof abgeholt und bin mit ihr zum Shoppen auf den Kurfürstendamm gefahren. Hier habe ich die letzten 4 Wochen gearbeitet, ohne einen einzigen Laden zu betreten. Erstmal legten wir im Einstein eine Kaffee- und Kuchenpause ein. Wenn wir auch wenig gemeinsam haben, Cafés lieben wir beide. Wir haben noch ein paar Läden unsicher gemacht und ich habe ihr meine Kanzlei gezeigt. Zum Abschluss sind wir noch ins KaDeWe, das hatte sich meine Mama gewünscht. Mir persönlich ist es dort immer zu voll, was mich schnell erschöpft und überfordert. Deshalb waren wir dort zuerst im Kartoffelacker essen, denn als Familie essen wir meist deutsche Küche. Die Kartoffelgerichte waren super lecker und der große runde Koch mit seiner Berliner Schnauze machte Witze mit uns und den anderen Gästen. Wir hatten einen schönen Tag, bevor ich meine Mama wieder verabschieden musste. Aber nur 3 Tage später bin ich selbst nach Hause gekommen für mein nächstes und letztes Praktikum in der Heimat.
Fazit
Ich wollte den Sommer in Berlin verbringen, um herauszufinden, ob ich nach dem Studium wirklich für eine Weile hierherziehen möchte. Meine Antwort ist ganz klar nein! Aber das liegt nicht an Berlin. Ich kann und möchte in keiner Großstadt leben, ich möchte lieber zurück auf’s Land und Tagesausflüge in die Stadt machen. Wenn ich mir eine Stadt aussuchen müsste, dann wäre es Berlin. Allerdings vermisse ich es sehr, einfach rausgehen zu können und allein in der Natur zu sein. Wenn ich ins Grüne wollte, musste ich erstmal einen Park suchen, dort hinkommen und mir dann den Park mit vielen anderen Leuten teilen. Ich mag Berlin und möchte es auch weiterhin oft besuchen, allerdings wünsche ich mir die Freiheit und Ruhe vom Land zurück.