Der Trek zu den Tobavarchkhili Seen in Georgien

Der nette Mann holte seinen Schwager, seinen klapprigen kleinen LKW und einen Eimer Birnen, die er uns mit auf den Weg gab. Auf der kleinen Ladefläche ging es für uns endlich in den Kaukasus. Nie zuvor war ich so lange so weit entfernt von der Zivilisation und plötzlich sollten wir 5 Tage lang auf 2500 Metern Höhe allein durch den Kaukasus wandern? Das war genau das, wonach es klingt – Leichtsinn. Niemand sollte unerfahren so eine Strecke wandern und trotzdem würde ich es immer wieder tun.

Länge77,7 km
Dauer4-5 Tage
Maximale Höhe2905 m
Höhenmeter ↑5306 m
Höhenmeter ↓4916 m
Einkehrkeine

Ganz undurchdacht war das alles natürlich nicht, wir haben uns schon einige Gedanken gemacht, bevor wir uns für die Silberseen, die Tobavarchkhili, entschieden haben. Nach einer Weile wurde uns dann klar, was wir uns da vorgenommen haben. Erst haben wir nach geführten Touren geschaut, die waren aber mit damals 2500 EUR einfach nicht drin. Also haben wir nach anderen Wanderern gesucht, mit dem Gedanken: umso mehr Leute, desto weniger gefährlich. So haben wir uns in Kutaisi mit Marco und Marius getroffen, um zusammen nach Mukhuri zu fahren. Den Shuttle dahin haben wir uns vom Hostel aufschwatzen lassen und das Ende vom Lied war, unser Fahrer musste seinen Rausch ausschlafen und der Inhaber hatte plötzlich doch Zweifel an der Geländegängigkeit seiner Autos und das alles 2 Stunden nachdem wir längst unterwegs sein wollten.

Tag 1
Schüsse in der Nacht

Letztlich haben sie uns nach Mukhuri gefahren. Wir wollten uns eigentlich einen ganzen Tagesmarsch sparen, indem wir bis zur Natipuru Hütte fahren, danach sah es jetzt aber nicht mehr aus. Mit Google haben wir uns irgendwie mit den Dorfbewohnern zu verständigen versucht und gegen Nachmittag war es endlich soweit, jemand erklärte sich bereit uns zu fahren! Der Preis von 250 GEL/ 80 EUR war gerechtfertigter als wir da noch dachten.

Der nette Mann holte also seinen Schwager, seinen klapprigen kleinen LKW und einen Eimer Birnen, die er uns mit auf den Weg gab. Auf der kleinen Ladefläche ging es für uns endlich in den Kaukasus. Das Auto selbst war schon nicht sicher, als der Fahrer dann noch seinen selbst gebrannten Chacha holte und es aus dem Fahrerhaus nach Grass roch, wurde uns schon anders. Vor allem wenn auf einer Seite der Abgrund immer steiler wird und der Weg selbst auch nur aus Wasserfällen und Schlaglöchern besteht. Genau deswegen waren 80 EUR angemessen, ich kann mir nicht vorstellen, dass der kleine LKW heil wieder unten ankam.

Noch 3 Stunden sind wir bis zu unserem Nachtlager gelaufen. Den Weg weiter runter haben wir wieder und wieder Schüsse gehört. Warum zur Hölle war ich die Einzige, die sich Gedanken macht, dass neben unserem Nachtlager geschossen wird? Als dann der Himmel über uns einbrach, hatte selbst ich keinen Bock mehr zu diskutieren. Im strömenden Regen schlugen wir die Zelte auf. Ich hätte nicht erwartet nach meiner Dienstzeit noch zu Schießlärm einzuschlafen, nur diesmal war es keine Übung.

In der Nacht wurde es noch bitter kalt. Meinen dicken Carinthia-Schlafsack hatte ich an einen Freund verliehen. Ich hätte ihn definitiv dringender gebraucht, denn mit meinem Aldi-Mumienschlafsack habe ich mir wirklich den Arsch abgefroren. Mitten in den Nacht habe ich festgestellt, dass unter uns eine Stadt lag. Man denkt man wäre in der Wildnis und plötzlich liegen dir die Lichter einer ganzen Stadt zu Füßen.

Tag 2
Da muss ich hoch?

Auch wenn ich zwischenzeitlich nicht mehr damit gerechnet habe, haben wir die Nacht tatsächlich überlebt. Wir wurden nicht umgebracht und sind auch nicht erfroren. Am nächsten morgen war es zum Glück wieder warm und die Zelte konnten in der Sonne trocknen. Vor dem Frühstück wollten wir die Aussicht vom Gipfel des Natipuru genießen, der war aber höher als erwartet und wir wollten ja endlich auf den Trek.

Den kleinen Abzweig vom Waldweg zu finden und auf den eigentlichen Trek zu kommen, war gar nicht so einfach. Wir waren froh endlich den Teil zu verlassen, in dem der Weg von Waldarbeiten geprägt war. Es war wie ein magisches Tor, das in eine wunderschöne und unberührte Landschaft führte. Wir mussten kleine Passagen klettern und Wasserfälle überqueren. Nach einem längeren Aufstieg kamen wir an eine kleine Hütte, in der ein Mann ganz allein lebte. Er hat uns zum Essen eingeladen, nur war es dafür einfach noch zu früh und es war noch ein ganzes Stück bis zum ersten See. Einige Meter höher sind wir seinen Kühen begegnet und mit ihnen auf die Felsen geklettert, um die Aussicht zu genießen.

Die Aussicht war zweifellos überall wunderschön. Hinter uns der weite Blick in den Kaukasus und vor uns sah der Berg aus wie eine Mondlandschaft. Trotzdem war es extrem anstrengend, mit unserer kompletten Ausrüstung mussten wir allein heute 2000 Höhenmeter überwinden. Der Weg war eigentlich gekennzeichnet, manchmal konnte man die Markierungen aber einfach nicht finden. Ich kam mir vor als wollte man mir sagen „du musst da hoch, du kommst nicht drum herum“. An manchen Stellen brauchten wir dann aber doch die App, auf der Marco die Strecke per GPS gespeichert hatte.

Nachdem wir unseren letzten Pass erklommen hatten, konnten wir ihn endlich sehen, den ersten Silbersee. Um uns herum riefen die Murmeltiere und zwischen uns und dem Camp lag nur noch eine ewig lange Schneezunge. Nach etwa einer Stunde hatten wir dann aber auch die hinter uns gelassen und konnten endlich die Zelte aufschlagen. Ich hatte Angst vor Bären, ich hatte Angst vor Steinschlag, aber zumindest würde es in dieser Nacht nicht kalt werden. Ich hatte mir nämlich die dicken Sachen der anderen zusammengesucht, die hatten nämlich vernünftige Schlafsäcke.

Tag 3
Von See zu See

Am nächsten Morgen haben wir uns etwas Zeit genommen für Frühstück, Tagebücher und eine ordentliche Katzenwäsche. Trotzdem sind wir nicht zu spät aufgebrochen. Überraschung – es ging natürlich wieder Berg auf, den Abstieg auf dem Eis gestern mussten wir ja wieder gut machen. Aber wenigstens konnten wir auf dem Weg wilde Blaubeeren sammeln. Viel wichtiger ist, dass ich seit Tag 1 hoffte Wildpferde zu sehen! Die Pferdeäpfel auf dem Weg zeigten uns, dass sie definitiv da, aber auch längst wieder weg waren.

Es hat uns nur zwei verhältnismäßig kleine Aufstiege gekostet, nur 500 Höhenmeter und wir waren am zweiten See. Wir haben ihn zumindest gesehen, denn es folgte wieder ein Abstieg. Es ist ziemlich merkwürdig das Ziel 300 Meter vor dir zu sehen und trotzdem eine Stunde zu brauchen, weil der ganze Weg ein reines Felsenmeer ist. Eigentlich war es viel zu früh für eine Pause. Aber ein Bild sagt mehr als tausend Worte, natürlich mussten wir hier baden gehen und natürlich war das Wasser eisig kalt.

Den Rest des Tages ging es bergab und recht schnell kamen wir auch an den dritten See. Wieder kam die Pause viel zu früh, aber wieder war der See zu schön, um einfach weiterzugehen. Der Abstieg verlief auf einem kleinen Schotterpfad und war extrem rutschig. Das erste Mal seit 2 Tagen haben wir andere Wanderer gesehen, die aus Khaishi kamen und den Weg genau anders herum gingen.

Im Tal erwartete uns ein reißender Fluss, durch den wir irgendwie durch mussten. Das hat uns im Zeitplan schon zurückgeworfen und dann haben wir auch noch den Weg verloren. Zwei Stunden sind wir durch das Tal gelaufen, immer wieder durch genau die giftigen Pflanzen, die wir laut Paula um Himmels Willen bloß nicht anfassen sollten. Warum wir langsam gestresst waren? Uns ging das Essen aus und wir hatten schon nach Plan noch einen guten Tag vor uns. Wie gesagt hat es zwei Stunden, blanke Nerven und viel Suchen gekostet, den Weg wiederzufinden. Auf einem kleinen Hügel mit Ausblick haben wir das Camp aufgeschlagen und ein Lagerfeuer gemacht, das wir uns wirklich verdient hatten.

Tag 4
Aufstieg mit Fieber

Der nächste Tag fing für mich leider gar nicht gut an. Ich hatte zu wenig getrunken, mir war schlecht und ich hatte Kopfschmerzen. Und das gerade heute, wo uns schon morgens 2500 m Aufstieg erwarteten und unser Proviant uns eigentlich zwang, es heute noch nach Khaishi zu schaffen. Um ehrlich zu sein hatte ich keinen Bock, mir ging es scheiße und der Berg wurde nicht weniger. Da die anderen viel schneller waren, hab ich mich zurückfallen lassen, um in Ruhe zu wandern und mich nicht gehetzt zu fühlen. In meinem eigenen Tempo zu gehen tat so gut! Trotzdem habe ich drei Kreuze gemacht, als wir endlich auf diesem Berg waren. Damit war es geschafft, das war der letzte Aufstieg. Von jetzt an ging es nur noch runter ins Dorf.

Am Nachmittag kamen wir in einen merkwürdigen Wald. Von den Bäumen hing Moos und mehrere Bäume lagen qualmend am Boden, wie nach einem Blitzeinschlag. Aber alle auf einmal? Im gleichen Wald begegnete uns ein Mann mit seinem Esel. Das klingt wie ein Märchen, ich weiß. Wir waren uns auch nicht sicher was er wollte, zumindest hat er uns ein Zeichen gegeben, dass er friedlich sei. Er brachte uns zu seinem Hof, wo seine Frau und deren Schwester warteten. Sie boten uns Betten und Essen an. Die Hütte war so schön warm, als sie mich herein baten, um mit ihrer Tochter zu telefonieren, denn keiner der drei sprach Englisch. So gern hätten wir das Angebot angenommen, doch erstens haben wir typisch deutsch befürchtet am Ende dafür zahlen zu müssen und zweitens mussten wir echt noch etwas Strecke schaffen.

Wir haben natürlich kaum noch Strecke zurückgelegt. Nur eine Stunde später haben wir an einem Fluss die Zelte aufgeschlagen und unseren letzten Proviant gegessen. Ich habe diese Nacht so bereut das Angebot nicht angenommen zu haben! Für diese eine Stunde, die wir geschafft haben, haben wir im Regen und Gewitter geschlafen. Ich habe diese warme Hütte so bitterlich vermisst und zudem war der Schall des Donners zwischen den Bergen echt einschüchternd.

Tag 5
Zurück in die Zivilisation

Wir haben es geschafft, der Rest der Strecke war Straße. Wir haben gut 20 km zurückgelegt und dabei Matsch und Wasserfälle durchquert. Ich habe mich gefühlt wie im Film, als wir endlich in Khaishi ankamen. Das aller aller aller Schönste? Limonade und ein ganzes Brot, das eine Frau uns für 1 Lari verkaufte. Etwa eine Stunde haben wir an der Straße gesessen und auf eine Marshrutka nach Mestia gewartet. Das Gefühl es geschafft zu haben war unglaublich. Egal wie anstrengend es war, das war es wert!

Update: Die Strecke ist wohl in den letzten Jahren ziemlich bekannt geworden. Mittlerweile gibt es geführte Touren und ein Gasthaus in Mukhuri stellt Geländewagen für die erste Etappe bis zur Natipuru Hütte bereit. Wir mussten damals noch mit dem Dorfsheriff verhandeln, der uns mit seinem klapprigen Truck gefahren hat. Dafür haben wir auch 100 Lari weniger gezahlt. Wenn ihr euch die Frage stellt, ob ihr wirklich einen Guide für 470 EUR braucht: vielleicht. Als erfahrene Wanderer sicher nicht, als Anfänger sollte man sich bewusst sein, welchen Risiken man sich allein im Kaukasus aussetzt. Wir sind aber auch ohne große Erfahrungen sehr gut klargekommen, der Weg ist markiert und eine Karte und Mitwanderer findet ihr auf caucasus-trekking.com.

Anmerkung: Bitte hinterlasst keinen Müll !

Wenn ihr in der Natur unterwegs seid, nehmt euren Müll auch wieder mit. Es ist ziemlich kacke, wenn jeder ausgeschriebene Campingplatz voller Müll steht. Wenn ihr eure Verpackungen nicht den ganzen Weg tragen könnt, nehmt keine mit. Wir haben es auch hinbekommen 5 Tage lang unseren Müll, einschließlich Hygieneprodukten, in einer Außentasche unseres Rucksacks mitzunehmen. Mich macht es wütend, dass Menschen so etwas aus Faulheit tun. Man sollte meinen, wer auf solchen Treks wandert, müsste genug Respekt vor der Natur haben. Ich hoffe ihr teilt diese Meinung.

3 Gedanken zu “Der Trek zu den Tobavarchkhili Seen in Georgien

  1. Pingback: 17 Tage mit dem Rucksack durch Georgien | HAELLAVENDER

  2. Oje, ich war lange nicht mehr auf deinem Blog… wie konnte ich nur das „Folgen“ vergessen. Gestern und heute habe ich entsprechend erstmal nach-gelesen. Hängen geblieben bin ich vor allem hier. Alle Zeilen und Bilder sprechen von einem echten Abenteuer zwischen Mut, zermatschten Schuhen, Durchhaltevermögen und dem Glücksgefühl am Ende.

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